1. Angriffswelle

Hauptzufahrt zum Kibbutz Kfar Aza

 

 

 

 

 

 

Ralph und Daniela

Ralph spricht ein perfektes Deutsch. Er stammt ja aus Namibia, der ehemaligen deutschen Kolonie "Deutsch-Südwest Afrika". In Namibia zählt die deutsche Sprache auch heute noch zu den verwendeten Sprachen. Daniela muss nicht übersetzen. Das ist ein entscheidender Vorteil für meinen Besuch in diesem Kibbutz. Da ich eine Kopfbedeckung gegen die brennende Sonne vergessen habe, leiht er mir aus seinem Auto ein basecap.

Als erstes fallen mir zwei Dinge ins Auge: Überall sind Handwerker am Werk und überall im Gelände befinden sich gut erreichbare Schutzräume gegen Raketenangriffe. Diese gab es aber auch schon vor dem 07. Oktober 23 und es gibt sie, mal kleiner, mal richtig groß, mal über der Erde, mal unterridisch, in ganz Israel. Die Handwerker sind dabei, Schäden an den Gebäuden zu beseitigen. Straßen werden auch aufgerissen, denn die israelische Armee drang zum Kampf gegen die Hamas auch mit Panzern in die Kibbutzim vor. Diese haben die Wasser- und Stromleitungen unter den Straßen mit ihrem Gewicht zerstört. Alles muss erneuert oder wiederaufgebaut werden. 

Ralph erzählt auf unserem Weg durch den Kibbutz von jenem 07. Oktober und den Tagen dach, den Tagen des Massakers, des Blutrauschs und der Erbarmungslosigkeit. Zwei Tage mussten sich die Bewohner selbst verteidigen, bis die Armee zu ihnen vordrang. Babys, Kinder, junge und alte Menschen, Behinderte - niemand und nichts wurde verschont. Diejenigen, die sich nicht gut genug versteckt hatten oder auf andere Weise Zuflucht fanden, wurden erschossen, gefoltert, vergewaltigt oder entführt. Viele mussten mehrfaches Leid erfahren.  Ralph erzählt mir von seinem Engagement in der Zeit vor dem 07. Oktober. Oftmals ist er zum Grenzübergang an den Gazastreifen gefahren, um erkrankte Palästinenser zur ärztlichen Behandlung in ein Krankenhaus oder zu einem Arzt in Israel zu fahren, wartete dort stundenlang und brachte dann diese Menschen wieder zurück zum Grenzübergang. Auf meine Nachfrage hin gab er zur Auskunft, dass er dies auf eigene Kosten tat. Auch auf meine diesbezügliche Frage hin antwortete er, dass er noch nicht wisse, ob er das jemals wieder könne.

Wir kommen an einen Platz mit Spielgeräten für Kinder. Gleich daneben befindet sich der Kindergarten vom Kibbutz. Über dem Gebäude des Kindergartens ist ein zweites Dach errichtet, welches die Kinder vor entsprechenden Angriffen aus dem Gazastreifen schützen sollte. Dass ein Angriff vom Boden her erfolgen sollte, damit hatte niemand gerechnet. Ebenfalls an diesem Spielplatz sehe ich einen überirdischen Schutzbunker. Bilder hängen an seiner Wand. Sie zeigen Bilder von sieben Bewohnern des Kibbutz`, die an dieser Stelle massakriert wurden. Ein Stück des Weges weiter steht ein Surfbrett, angelehnt an einen Baum, als Erinnerung an den Tod eines jungen Menschen, der gern diesen Sport betrieb, bis Terroristen ihn an dieser Stelle ermordeten. 

Jetzt führt uns unser Weg vorbei an neuen Bungalows. Sie alle sind versehen mit kleinen Vorgärten und Terrassen; sie sind bewohnt, wie ich bemerke, denn Wäsche hängt vor manchen. Ralf erzählt, dass hier Frewillige wohnen, die aus ganz Israel und anderen Ländern kommen, um beim Wiederaufbau zu helfen. Diese Wohneinheiten sind vor jedem Fenster versehen mit Metallvorrichtungen, die Granaten oder andere Geschosse ablenken sollen. Zusätlich befindet sich vor jedem Fenster eine in die Wand eingelassene Metallplatte, die bei Raketenalarm vor das Glasfenster gezogen werden kann. Das Metallgitter über jedem Fenster dient der Ablenkung eventueller Geschosse. Welche zusätzlichen Schutzvorrichtungen an den Türen angebracht sind, erfrage ich nicht, obwohl ich sie sehe. Der Terrorangriff vom 07. Oktober war auch, was das angeht, eine bittere Lektion. Sie hatte nur einen zu hohen Preis. An den neuen Wohneinheiten blühen Büsche und Bäume... ein Zeichen, das gutut! 

(Sie können zur Vergrößerung auf jedes Bild auf dieser Seite klicken.)

Wir gehen weiter und kommen in ein Gebiet, in dem viele Bungalows stehen. Vor dem 07. Oktober lebten hier Menschen mit Träumen für ihr Leben, Kinder lachten und junge Leute planten ihre Zukunft, alte, gebrechliche oder kranke Menschen waren in der Gemeinschaft des Kibbutz' geborgen. Das alles wurde unterbrochen oder erlosch innerhalb weniger Stunden. Denn sie mussten erleben, wie sie selbst oder ihre Nachbarn wie ein Stück Vieh behandelt, vergewaltigt, verhöhnt, bestialisch gefoltert, abgeschlachtet oder entführt wurden. Sie mussten zusehen, wie Familienmitglieder oder Nachbarn und Freunde geköpft wurden und die Terroristen mit den Köpfen ihrer Opfer Fußball spielten. Häuser, in denen ganze Familien waren, wurden angezündet. Die Mensch darin sind mit ihnen verbrant. Vorfahren von ihnen oder gar sie selbst hatten vielleicht die Hölle auf Erden in einem KZ der Nazis erlebt und haben diese Hölle überlebt. Aber jetzt brach über sie alle erneut eine Hölle los, denn sie waren Juden. Und wie damals im sogenannten Dritten Reich, sollte dies auch am 07. Oktober 2023 reichen: Jude sein! 

Hier stehen zwar alle diese Bungalows noch. Aber es herrscht das Chaos und man erahnt: Hier muss alles das geschehen sein, was ich oben versucht habe, in Worte zufassen... wenn das überhaupt geht! Ein Ort des Grauens. Vor einigen Häusern sind Bilder der ehemaligen Bewohner zu sehen. Viele sind tot, andere haben überlebt, so auch Ralf und seine Familie. Überlebende gibt es nur, weil sie sich irgendwo verstecken konnten, weil sie sich dem Blutrausch entziehen konnten, manchmal mit unglaublichem Glück oder auch Mut, weil sie sich bis zur Ankunft des Militärs zwei Tage lang selbst verteidigten.

In einen Bungalow könnnen wir hinein. Es ist der erste, gleich rechts in der Straße. Ein junges Paar hat hier gelebt. Auch hier kann man ein Bild von ihnen am Eingang sehen - jung, voller Zukunft, wahrscheinlich voller Liebe zueinander. Im Eingangsbereich stehen Waschmaschine und Trockner. Ich kann die ersten Spuren von Einschüssen sehen. Alle Wände, der Boden, die Decke, alles, was danach kommt, ist durchlöchert wie ein Sieb, ist durchlöchert von blutigem Hass. Die beiden jungen Menschen konnten das nicht überleben. Viele ihrer Nachbarn haben sich in Schränken und Kühlschränken, unter Betten und Sofas versteckt. Ja manche haben es sogar versucht, sich unter die Häuser zu graben. Zwei Tage hat es gebraucht, bis Hilfe des Militärs eintraf und weitere Tage hat es gebraucht, bis Israel überhaupt verstand, was da geschen war. Kann man es überhaupt verstehen??

Wir gehen aus diesem Bungalow heraus. Auch wenn die Blutspuren längst beseitigt sind und ich "nur" die äußeren Zeichen unendlichen Hasses gesehen habe... ein beklämmendes Gefühlt geht mit mir. Vor den Resten eines weiteren Hauses steht wieder ein Schild. Fünf Menschen sind abgebildet und es wird zur Hilfe aufgerufen, Hilfe dafür, dass diese fünf Menschen, die als Geiseln in einen der Tunnel nach Gaza verschelppt wurden, gefunden und freigelassen werden. An anderen Häusern sehe ich Spuren von Granateinschlägen und Bränden. Häuser wurden angezündet. Kinder, Männer und Frauen, Menschen wurden darin bei lebendigen Leib verbrannt

Aber noch etwas ist auffällig: An jedem Haus, meist auf den Türen oder an den Wänden nahe des Eingangs, sind immer die gleichen Zeichen zu sehen, in verschiedenen Abwandlungen. Ralph berichtet, dass dies Markierungen des Militärs und einer speziellen nichtmilitärischen Hilfsgruppe seien. Als nach zwei Tagen die ersten Militätruppen mit Panzern und anderem schweren Geschütz eintrafen, bis dahin mussten die Bewohner sich selbst verteidigen, haben sie natürlich damit begonnen, die Terroristen nach und nach zurückzudrängen. Jedoch erst nach fast drei Tagen konnte die Regierung vermelden, dass das durch die Hamas eingenommene Gebiet wieder unter israelischer Kontrolle sei. Die vorrückenden israelischen Einheiten kontrollierten nach dem erfolgreichen Zurückdrängen der Terroreinheiten jedes Haus und jedes Gebäude. War es frei von Terroristen, sprühten sie mit Farbe ein entsprechendes Zeichen an das Haus. 

Im Judentum ist es sehr wichtig, alle Teile einer Leiche aufzuspüren und dieser zuzuordnen. Dies war nach entsprechender militärischer Säuberung und Kontrolle, die Aufgabe der zivilen Hilfsgruppe, die dem Militär in die Gebäude nachrückte, die vom Militär entsprechend gekennzeichnet worden waren. Es schnürt mir den Atem enger bei dem Versuch, mir vozustellen, was diese Menschen gesehen haben, aushalten mussten. 

Wir gehen weiter und ich kann über den Zaun, der jeden Kibbutz umgibt, hinüber nach Gazastadt schauen. Zusätzlich ist hier noch, weil diese Seite des Kibbutz zum Gazastreifen hin ausgerichtet ist, eine Reihe von hohen Büschen oder Bäumen gepflanzt, die auch vor dem Terrorüberfall hier schon standen. Ralph erzählt, dass dies nötig ist, um Scharfschützen oder eventueller Beobachtung von Gaza her vorzubeugen.

Wir kommen fast ans Ende unserer Runde, da sehen wir ein zweites Hoffnungszeichen: neue Häuser werden errichtet. Es ist noch nicht für jeden Bewohner durch ihn selbst entschieden, ob er in sein altes Haus zurückkehrt, wenn es wieder saniert worden ist. Überhaupt ist es durch die Bewohner von Kfar Aza noch nicht geklärt, ob die Häuser, die überfallen wurden, wieder bezogen werden sollen, oder ob sie als Erinnerung und Mahnung so belassen werden. Es bleibt eine schwierige Entscheidung. Auch wollen manche nicht mehr zurückkehren. Andererseits haben sich erstaunlicherweise andere Israelis gerade für die überfallenen Kibbutzim als zukünftige Bewohner beworben. 

Das vorletzte Gebäude, das Ralf mir zeigt, ist ein besonderes Gebäude. Die Kibbutzgemeinschaft hatte sich noch vor dem Überfall entschieden, eine Einrichtung zu bauen, die für geistig behinderte Kinder bestimmt ist. Dies sollte und soll ein Angebot für Bewohner des eigenen Kibbutz sein, aber auch für die ganze nähere Umgebung. Aber der Weiterbau stoppt. Denn Geld fehlt an allen Ecken und Enden, erst recht nach dem 07. Oktober 2023. Wenn sie, lieber Leser, dafür eventuell spenden möchten, wenden sie sich bitte an mich!

Wir machen noch einmal Halt. Die Getränkevorräte, die jeder mitgebrachte hatte, sind aufgebraucht. Wir benötigen Nachschub. Es ist heiß hier am Beginn der Wüste Negev. Und da stehen wir vor dem dritten Zeichen, das Hoffnung für den Kibbutz Kfar Aza und all die anderen symbolisiert: Der Supermarkt ist saniert und hat geöffnet. Er ist als die erste Einrichtung hier im Kibbutz vor allem für die Bauarbeiter und die Helfer beim Wiederaufbau geöffnet. Seine Türen stehen aber auch uns offen. Das ist gut, denn wir brauchen ja Nachschub an Getränken. Daniela, Ralph und ich setzen uns, bestückt mit Getränkedosen, auf eine vor dem Supermarkt stehende Bank. Ein letztes Gespräch, letzte Fragen an Ralph. Ich bin auch ihm unendlich dankbar für die Möglichkeit, die er mir eröffnet hat! Er sagt mir noch auf meine Frage hin, wie er all das Erlebte verarbeitet und bewältigt: "Durch das, was ich mit dir jetzt getan habe. Ich rede über das, was wir erlebt haben."

Danke an dieser Stelle auch an Ralph!

Hier noch einige Videos aus dem Kibbutz Kfar Aza, die es auf "youtube" gibt. Auch wenn sie teilweise in englischer Sprache sind, die Bilder genügen!

Eine Anmerkung zu diesem Besuch im Kibbutz am Ende: Ralph erzählte, dass es eigentlich drei Angriffswellen gab: 

 

1. Welle die militanten Einheiten der Hamas, 2. Welle ihre Nachhut, 3. Welle Zivilisten aus dem Gazastreifen.

 

Ralphs Anmerkung dazu: Diese 3. Welle hat ebenfalls gemordet und geplündert. Die Menschen in der 3. Angriffswelle nahmen mit, was sie tragen oder auf pick-ups mitnehmen konnten. Aber sie haben selbst auch gemordet. Es existiert der Mitschnitt eines Anrufs eines solchen Zivilsten bei seiner Mutter. In diesem Anruf heisst es in etwa: Mama, ich habe zwei Juden erschossen. Darauf antwortet die Mutter: Mein Sohn, du bist ein Held.

Wenn ich an die Viedeos aus Gaza denke, auf denen zu sehen ist, wie dort die Menge die entführten Geiseln in Autos umringte und photographierte (in einem Video oben auch zu sehen), dazu Freuden- und Siegesgesänge anstimmte, wenn ich an Szenen in weiteren Videos denke, wo Zivilisten bei der Übergabe von toten oder noch lebenden Geiseln Volksfeste veranstalteten, die Geiseln zum Abschied noch verhöhnten und zur Schau stellten, und wenn ich daran denke, wie man auf den Straßen von Gaza Süßigkeiten verteilte, als das Massaker dort bekannt wurde, dann kommt bei mir die Frage auf: Gibt es Zivilisten dort? Es ist eine riskante, eine provozierende Frage. Aber auch sie muss gestellt werden dürfen. Für eine Seite scheint die Antwort klar zu sein: für diejenigen, die täglich auch auf Europas Straßen schreien: "free Gaza", und noch schlimmer "from the river to the see". Beim ersten Ruf kommt ihnen natürlich nicht ... "from Hamas" über die Lippen! Ich finde es schwieriger, eine Antwort auf diese Frage zu finden. Und Ralph kann es bis heute nicht sagen, ob er jemals wieder ehrenamtlich und auf eigene Kosten kranke Palästinenser zu einer Behandlung nach Israel fahren würde, wie er es vor dem 07. Oktober 2023 regelmäßig getan hat. Ich kann seine Skrupel sehr gut verstehen!

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