Nach unserer Verabschiedung von Ralph fahren Daniela und ich weiter zum Gelände des Nova-Musikfestivals. Ich muss, glaube ich, nicht noch einmal betonen, dass mir Israel und das Judentum sehr nahe stehen und dass ich recht viel über Israel weiß. Ich muss aber, umso peinlicher, gleichzeitig gestehen, dass bis zu meinem Besuch in Israel dies für mich der nahezu einzige Ort des Grauens vom 07. Oktober 2023 war. Viel mehr wusste ich nicht, warum auch immer. Ich stelle auch jetzt, da ich wieder in Deutschland bin, genau die gleiche Wissenslücke bei vielen fest, mit denen ich ins Gespräch darüber komme. Das halte ich bei mir und bei anderen für fatal. Aber es sagt vielleicht auch etwas über die Berichterstattung in deutschen Medien.
Menschen, zumeist junge Menschen, die auf ein Musikfetival gehen, wollen Musik hören, tanzen, einfach nur Spaß haben, das Leben feiern. Das war auch bei den Menschen nicht anders, die sich zum Novafestival im Südwesten Israel aufmachten. Aber sie rechneten nicht damit, dass Islamisten kein Verständnis für Spaß haben, dass Isslamisten auch kein Verständnis für westliche Lbensweise haben, ja sie verachten sie! Dies wurde leider für unzähliche Festivalbesucher am 07. Oktober 2023 im Südwesten Israels zum Verhängnis.
Am 7. Oktober um 6:29 Uhr Ortszeit erfolgte ein massiver Raketenbeschuss aus dem Gazastreifen auf Südisrael, welcher zur Auslösung des Raketenalarms in ganz Israel führte, während Hamas-Terroristen die israelische Sperranlage zum Gazastreifen an 114 Stellen durchbrachen und dabei israelische Militärstützpunkte und Gemeinden in Grenznähe angriffen. Um 6:32 Uhr telefonierte der Polizeikommandeur des Südbezirks, Amir Cohen, mit dem Kommandeur desMilitärkommenados Süd, Yaron Finkelman, über die Ereignisse. Der leitende Polizeibeamte auf dem Veranstaltungsgelände, Oberstleutnant Nivi Ohana, erklärte das Festival aus Sicherheitsgründen gegen 6:35 Uhr für beendet, worauf die Musik abgestellt und die Partygäste mittels Lautsprecher zum Verlassen des Geländes aufgefordert wurden. Ohana beorderte noch vor Bekanntwerden der Grenzdurchbrüche 42 Polizisten zum Veranstaltungsgelände, darunter Beamte der zur Aufstandsbekämpfung ausgebildeten Spezialeinheit Yasam. Als Ohana gegen 6:50 Uhr die Meldung von Schüssen auf Zivilisten im Grenzgebiet erhalten hatte, ordnete er umgehend die Öffnung provisorischer Fluchtwege und die Evakuierung der Feiernden an. Laut Untersuchungsbericht habe Ohana mit seiner schnellen und entschlossenen Reaktion und Entscheidungsfindung die Flucht Hunderter Zivilisten ermöglicht.
Zwischenzeitlich besetzten angreifende Terroristen Straßenstellen und Kreuzungen entlang der Nationalstraße 232, welche in Nord-Süd-Richtung die Grenzgemeinden, darunter Reʿim, verbindet. Partygäste, welche über diese Straße zu Fliehen versuchten, wurden von den Hamasterroristen unter Beschuss genommen, worauf viele wieder zum Festivalgelände zurückkehrten, wo die Polizei mit der Regelung des Verkehrs beschäftigt war. Diese sperrte daraufhin die genannte Straße und forderte die Menschen zur Flucht über die Felder nach Osten hin auf. Aufnahmen unzähliger rennender Menschen auf den Feldern wurden später von internationalen Medien verbreitet, ebenso Bilder Dutzender zurückgelassener Fahrzeuge entlang der Nationalstraße. Zudem wurden Menschen in den Luftschutzanlagen am Straßenrand, wo sie Schutz vor dem Raketenbeschuss gesucht hatten, gezielt durch die Hamas attackiert. Um 7:13 Uhr erhielt das Heimatfront-Kommando fälschlicherweise die Information, dass rund 90 Prozent der Partygäste das Gebiet verlassen hätten, weshalb dieses vorerst nicht in den Lagebeurteilungen mit einbezogen wurde. Ab etwa 7:50 Uhr griffen Hamas-Terroristen die nahegelegene Gemeinde Reʿim an. Den israelischen Truppen vor Ort und auch dem Generalstab habe ein umfassendes Lagebild gefehlt, was zu einer anfänglich falschen Einschätzung der Größenordnung des Angriffs und ungeeigneter Prioritätensetzung geführt habe.
Ab 8:50 Uhr eröffneten die Terroristen das Feuer auf jene Menschen, welche über die Felder nach Osten flüchteten und drangen kurz nach 9:15 Uhr in das Festivalgelände ein, wo sie Festivalbesucher gezielt ermordeten oder entführten. Auf dem Veranstaltungsgelände und dem angrenzenden Abschnitt der Nationalstraße 232 wurden 171 Menschen getötet, weitere 173 auf der Flucht entlang der Verkehrswege und in angrenzenden Siedlungen. Allein 18 Menschen starben, als die Terroristen einen von Hilfesuchenden umringten Krankenwagen, mit einer Panzerabwerhwaffe beschossen. In einem öffentlichen Luftschutzbunker am Straßenrand waren zudem 16 Menschen durch Schüsse und Granaten ums Leben gekommen. 19 Menschen wurden im Bereich der Ausschankstelle „Little Bar“ und 14 weitere in einem der beiden gelben Abfallcontainer des Veranstaltungsgeländes ermordet, wo sie sich versteckt hatten. Ebenfalls getötet wurden mit den Zwillingen Osher und Michael Vaknin zwei Organisatoren des Festivals sowie die beiden israelischen DJs Matan Elmalem (Kido) und Bar Shechter (Syloopo) nach ihren Auftritten.
Auf dem Festivalgelände hatte ich niemanden, der mir, so wie Ralph im Kibbutz, von dem Massaker erzählen konnte. Daher folgt unten jetzt eine Sendung des ZDF. Es sind schrecklich harte Berichte und Aufnahmen. Aber es muss sein, denn was die vom Festival Fliehenden erleben mussten, werde ich als Betrachter und Anhörer ertragen können. Und es muss sein, um der Wahrheit eine weitere Tür zu öffnen, auch wenn sie inzwischen kaum noch jemand hören und sehen will, erst recht nicht die, die auf unseren Straßen auf schlimmste Weise "demonstrieren". Es ist kein demonstrieren! Es ist die erneute Dämonisierung des Judentums und es ist die Dämonisierung Israels. Und es wird zugelassen unter dem Deckmantel der Demonstrationsfreiheit!
Die Bilder, die nun folgen, sind Aufnahmen des Festivalgeländes und der Umgebung (Straße Nr. 232) nach dem Massaker.
Das Gelände des Festivals ist inzwischen zu einer Gedenstätte geworden. Es ist keine staatlich eingerichtete Gedenkstätte. Es ist eine private Initiative. Menschen aus ganz Israel und aus der ganzen Welt kommen hier her. Viele von ihnen werden Überlebende sein oder Familienangehörige von denen, die bestialisch gehetzt, gefoltert, ermordet oder von hier aus nach Gaza in die unterirdischen Tunnelanlagen der Hamas entführt wurde. Danile und ich gehen über dieses Gelände, eher schweigend. Nur da, wo es nötig ist, spricht Daniela, um mir etwas zu erklären.
Was beim Verlassen auch dieses Ortes bleibt, sind die Bilder von trauernden, von still in sich fragenden und von zerbrochenen Menschen!
Wir fahren zurück Richtung Jerusalem. Aber an einer stelle kommen wir vorbei, an der wir noch Halt machen. Es ist ein weiterer Ort des Gedenkens. Er besteht "nur" aus von Gewehrkungeln und Mörsern zerlöcherten, ausgebrannten und von in der ganzen Umgebaung zusammengebrachten Autowracks.











